Wie erkennt man, ob ein ETF-Portfolio wirklich diversifiziert ist?

Bei der Diversifikation des Gesamtvermögens kommt zusätzlich die Aufteilung auf unterschiedliche Anlageklassen hinzu. Dieser Artikel betrachtet primär die Diversifikation innerhalb eines ETF- beziehungsweise Aktienportfolios.

Entscheidend ist, welche Unternehmen, Regionen, Sektoren, Währungen und gemeinsamen Marktfaktoren hinter den einzelnen Produkten stehen – und wie stark sie sich überschneiden.

Kurz gesagt: Diversifikation misst nicht, wie viele Positionen ein Portfolio enthält. Entscheidend ist, wie unterschiedlich die zugrunde liegenden Exposures sind und wie sie auf dieselben Marktbedingungen reagieren.

Zwölf ETFs können dieselben Aktien enthalten

Die Kundin* hatte ihr Depot über Jahre aufgebaut: einen Welt-ETF, einen US-ETF, einen Technologie-ETF, einen Nachhaltigkeits-ETF, einen Dividenden-ETF sowie mehrere regionale und thematische Produkte.

Jeder einzelne ETF hatte eine nachvollziehbare Idee. Zusammen entstand aber eine andere Struktur. Viele der grössten Positionen tauchten mehrfach auf.

Ein Unternehmen konnte gleichzeitig in einem Weltindex, einem US-Index, einem Technologieindex, einem Nachhaltigkeitsindex sowie einem Faktor- oder Themen-ETF enthalten sein.
Die Zahl der Fonds stieg. Die Zahl wirklich unterschiedlicher Exposures deutlich weniger.

Der Perspektivwechsel

Mehr Positionen bedeuten nicht automatisch mehr Diversifikation.

Diversifikation entsteht nicht durch Zählen, sondern durch Unterschiede. Wenn mehrere Produkte auf dieselben Unternehmen, Sektoren oder Regionen zurückgreifen, können sie sich optisch unterscheiden und wirtschaftlich trotzdem ähnlich reagieren.

Was bei der Kundin auffiel

Auf den ersten Blick besass das Portfolio zwölf ETFs. Darunter lagen aber immer wieder dieselben Schwerpunkte: US-Grossunternehmen, Technologie, hohe US-/Dollar-Exponierung und ähnliche globale Aktienexposures.

Einzelne Aktien erschienen mehrfach über verschiedene Fonds. Das bedeutete nicht, dass das Portfolio schlecht war. Aber die tatsächliche Risikostruktur war konzentrierter, als die Anzahl der Produkte vermuten liess.

Die Frage lautete deshalb nicht mehr: Wie viele ETFs besitzt die Kundin? Sondern: Welche Exposures kommen mehrfach vor?

Konzentration kann versteckt sein

Ein ETF mit 1’500 oder 2’000 Titeln wirkt sehr breit. Das kann er auch sein. Aber die Anzahl Titel sagt noch nichts darüber aus, wie das Kapital verteilt ist.

Ein Portfolio kann Tausende Aktien enthalten und trotzdem stark von wenigen grossen Unternehmen, einem Land oder einzelnen Sektoren geprägt sein. Entscheidend sind deshalb unter anderem Gewichte, Überschneidungen, Korrelationen, regionale Konzentrationen, Sektorenschwerpunkte, Währungsabhängigkeiten und gemeinsame Marktfaktoren. Auch breite kapitalisierungsgewichtete Weltindizes können erhebliche Konzentrationen aufweisen. MSCI weist 2026 darauf hin, dass die zehn grössten Titel im MSCI World zusammen mehr als ein Viertel des Indexgewichts ausmachen.

Diversifikation entsteht nicht nur durch unterschiedliche Positionen. Sie entsteht auch dadurch, dass verschiedene Anlagen nicht alle gleich auf dieselben Marktbedingungen reagieren.

Die Kernrelation

Die eigentliche Diversifikation liegt bei den wirtschaftlichen Exposures.

Ein Portfolio ist dann breiter diversifiziert, wenn seine Erträge von unterschiedlichen Unternehmen, Regionen, Sektoren und wirtschaftlichen Faktoren abhängen – nicht bloss von unterschiedlichen Produktnamen.

Ein Welt-ETF ist breit – aber nicht frei von Konzentrationen

Ein globaler Aktienindex ist ein sehr leistungsfähiger Baustein. Er bietet Zugang zu vielen Unternehmen und Märkten. Aber auch ein Weltindex ist nicht «neutral».

Kapitalisierungsgewichtete Indizes spiegeln die relative Börsengrösse der enthaltenen Unternehmen und Märkte wider. Wenn US-Unternehmen besonders gross sind, erhalten sie hohe Gewichte. Wenn Technologieunternehmen stark wachsen, steigt ihr Anteil.
Der Index bildet diese Marktstruktur ab. Er korrigiert sie nicht.

Breit investiert ist nicht automatisch frei von Konzentrationen

Überlappungen entstehen oft unbemerkt

Viele Anleger erweitern ein bestehendes Depot mit guten Absichten. Zum Welt-ETF kommt ein US-ETF. Dann Technologie. Dann Nachhaltigkeit. Dann ein Dividendenprodukt.

Jeder neue ETF wirkt wie zusätzliche Diversifikation. Tatsächlich kann er bereits vorhandene Schwerpunkte verstärken. Ein neues Produkt erhöht dann die Komplexität des Depots stärker als seine Diversifikation.

Genau deshalb analysieren wir nicht nur einzelne Produkte. Wir analysieren das Portfolio als Ganzes.

Weniger Produkte können besser diversifiziert sein

Das klingt zunächst paradox. Ein Portfolio mit fünf sorgfältig kombinierten Bausteinen kann besser diversifiziert sein als eines mit zwölf stark überlappenden ETFs.

Denn Diversifikation entsteht nicht durch maximale Produktzahl. Sie entsteht durch bewusst unterschiedliche Exposures.

Das kann gleichzeitig zwei Dinge bewirken: weniger Komplexität und mehr Klarheit über die tatsächlichen Risiken. Ein einfacheres Portfolio ist deshalb nicht automatisch weniger diversifiziert. Es kann sogar das Gegenteil sein.

Die Finpact-Diversifikationslogik

Wir würden die Analyse in vier Schritten aufbauen.

Portfolio Atelier · Vier Schritte zur Diversifikationsanalyse
01PositionenWelche Unternehmen und Anlagen stecken tatsächlich in den ETFs?

02ÜberschneidungenWelche Positionen und Exposures kommen mehrfach vor?

03RisikotreiberWelche Regionen, Sektoren, Währungen, Unternehmensgrössen und Stil-/Marktfaktoren bestimmen das Portfolio?

04StrukturWelche Produkte tragen tatsächlich etwas Neues bei?

Die Logik lautet: Produkte → Überschneidungen → Exposures → echte Diversifikation. Nicht: mehr ETFs = mehr Diversifikation.

Was wir aus mehr als 12’000 Anlageplänen lernenSeit Einführung unseres digitalen Anlageplaners wurden bei Finpact mehr als 12’000 Anlagepläne erstellt. Portfolios wachsen mit der Zeit. Ein zusätzlicher ETF erscheint sinnvoll, dann noch einer, dann ein Themenprodukt. Irgendwann besitzt das Depot viele Bausteine, aber dieselben wirtschaftlichen Schwerpunkte tauchen immer wieder auf. Genau deshalb zählen wir nicht einfach Positionen. Wir fragen: Welche unterschiedlichen Risiken besitzt dieses Portfolio wirklich?

Was die Finpact-Vermögensstudie 2025 dazu zeigt

Die Finpact-Vermögensstudie 2025 mit 504 Personen zeigt, dass die Zielgruppe stark investiert ist und zugleich Wert auf Stabilität legt.

Die Studie misst ETF-Überschneidungen nicht direkt. Sie unterstreicht jedoch, weshalb die tatsächliche Risikostruktur eines Portfolios relevant ist.

Gerade deshalb lohnt der Blick unter die Produktebene.

Zurück zur Kundin

Bei unserer Kundin* war das Ziel nicht, aus zwölf ETFs zwingend sechs zu machen. Die Produktzahl war nicht das eigentliche Problem.

Wir wollten verstehen, welche Positionen tatsächlich doppelt sind, welche Exposures dominieren, wo Konzentration besteht und welche Bausteine eine neue wirtschaftliche Funktion bringen.

Erst daraus ergibt sich, welche Produkte wirklich benötigt werden. Das Ergebnis kann einfacher sein. Aber die Vereinfachung ist nur Mittel zum Zweck. Das Ziel bleibt eine bessere Risikostruktur.

Diversifikation im präziseren Vergleich

Ebene Erster Blick Entscheidender Blick
Anzahl Produkte Wie viele ETFs besitze ich? Welche neuen Exposures bringen sie?
Anzahl Titel Wie viele Aktien sind enthalten? Wie sind die Gewichte verteilt?
Regionen Wie viele Länder sind vertreten? Welche Regionen dominieren das Risiko?
Sektoren Wie viele Branchen sind vorhanden? Welche Sektoren treiben die Schwankungen?
Währungen Wie viele Währungen kommen vor? Welche Währungsrisiken sind wirtschaftlich relevant?
Gesamtportfolio Wie kompliziert ist das Depot? Wie unterschiedlich sind die Risikotreiber?

Fünf Fragen zur eigenen Diversifikation

  1. Welche zehn Positionen haben das grösste Gewicht?Sie prägen das Portfolio oft stärker als die Anzahl Titel.
  2. Welche Aktien oder Exposures kommen in mehreren ETFs vor?Überlappungen können Konzentrationen verstärken.
  3. Welche Regionen und Sektoren dominieren?Nicht nur die Anzahl, sondern die Gewichte zählen.
  4. Welche Währungs- und Marktfaktoren bestimmen das Portfolio?Produktwährung und wirtschaftliche Währungsexposition sind nicht dasselbe.
  5. Was bringt jeder zusätzliche ETF tatsächlich neu?Wenn die Antwort unklar ist, erhöht er möglicherweise vor allem die Komplexität.

Wir diversifizieren keine Verpackungen

Am Anfang sah die Kundin* zwölf ETFs und damit zwölf unterschiedliche Bausteine. Nach der Analyse sah sie etwas anderes.

Mehrere Produkte liefen wieder an denselben Punkten zusammen: US-Grossunternehmen, Technologie, hohe US-/Dollar-Exponierung und teilweise dieselben Aktien mehrfach.

Die Zahl der Fonds war hoch. Die Zahl wirklich unterschiedlicher wirtschaftlicher Exposures deutlich kleiner.

Wir diversifizieren nicht Verpackungen. Wir diversifizieren wirtschaftliche Exposures und Risikotreiber.

* Anonymisierter Kundenfall.

Checkliste

Die eigene Diversifikation sauber prüfen.

Die wichtigsten Fragen zu Überschneidungen, Konzentrationen, Regionen, Sektoren, Währungen und Risikotreibern kompakt zusammengefasst.

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