Eine Kundin kurz vor der Pensionierung stellte uns eine scheinbar einfache Frage: «5 Prozent Rente oder 3 Prozent Entnahme – dann ist die Rente doch klar besser?» Die beiden Zahlen sehen vergleichbar aus. Wirtschaftlich beschreiben sie jedoch unterschiedliche Dinge. Genau dort beginnt die Entscheidung.*

Im Portfolio Atelier schrieben wir 780’000 Franken auf ein Blatt. Dann zeichneten wir zwei Wege. Beim ersten Weg wird das individuelle Altersguthaben in einen lebenslangen Rentenanspruch umgewandelt. Beim zweiten Weg bleibt das bezogene Kapital als Vermögen beim Haushalt. Dafür bleiben auch Anlage-, Entnahme- und Langlebigkeitsrisiko stärker dort.

Aus einer Prozentfrage wurde eine Risikoentscheidung.

Was bedeutet Rente oder Kapital bei der Pensionskasse?

Bei einer Rente wird das vorhandene Altersguthaben mit dem Umwandlungssatz in eine lebenslange jährliche Zahlung umgerechnet. Beim Kapitalbezug wird das Guthaben ganz oder teilweise ausbezahlt und bleibt als Vermögen verfügbar. Versicherte haben grundsätzlich Anspruch darauf, mindestens einen Viertel ihres massgebenden Altersguthabens als Kapital zu beziehen. Ob ein grösserer Anteil oder das gesamte Guthaben bezogen werden kann, richtet sich nach dem Reglement der Vorsorgeeinrichtung.

Kurz gesagt: Die Rente wandelt Vorsorgekapital in lebenslanges Einkommen um. Beim Kapital bleiben Vermögen und Flexibilität erhalten, dafür trägt der Haushalt mehr Risiken selbst.

Was die Zahlen zeigen2024 bezogen 45 Prozent der Personen mit einer neuen Leistung aus einer Pensionskasse ausschliesslich Kapital, 36 Prozent ausschliesslich eine Rente und 19 Prozent eine Kombination. Die Wahl zwischen beiden Wegen ist damit längst kein Randthema mehr.

Der erste Denkfehler: 5 Prozent sind nicht gleich 5 Prozent

Nehmen wir die 780’000 Franken unserer Kundin*. Bei einem angenommenen reglementarischen Umwandlungssatz von 5 Prozent ergäbe sich vereinfacht eine jährliche Rente von 39’000 Franken. Daneben stellt sie einen möglichen Entnahmeplan aus dem eigenen Vermögen: 3 Prozent von 780’000 Franken entsprechen 23’400 Franken.

Die Rechnung scheint eindeutig. 39’000 Franken sind mehr als 23’400 Franken. Also müsste die Rente überlegen sein. Nur vergleichen wir hier nicht dasselbe.

Der Umwandlungssatz bestimmt die jährliche Rentenzahlung relativ zum vorhandenen Altersguthaben. Er ist keine Portfoliorendite. Seine Finanzierung hängt unter anderem von Lebenserwartung und erzielbaren Anlagerenditen ab. Eine Entnahmerate beschreibt dagegen, welcher Anteil eines weiterhin vorhandenen Vermögens jährlich entnommen wird.

Beim Kapitalbezug bleibt das nicht verbrauchte Vermögen grundsätzlich im Eigentum des Haushalts und kann weiter investiert werden. Sein Wert entwickelt sich allerdings mit den gewählten Anlagen. Die beiden Prozentzahlen haben deshalb unterschiedliche ökonomische Bedeutungen.

Die Kernrelation

Umwandlungssatz und Entnahmerate messen nicht dieselbe ökonomische Grösse.

Der eine bestimmt eine lebenslange Rentenzahlung aus dem Vorsorgekapital, der andere den jährlichen Verbrauch eines weiterhin vorhandenen Vermögens.

Zwei Wege aus denselben 780’000 Franken

Wir zeichneten deshalb nicht zwei Prozentzahlen, sondern zwei unterschiedliche Vermögenslogiken.

Weg 1: Rente

Das individuelle Altersguthaben wird in einen Rentenanspruch umgewandelt. Dafür erhält die Kundin* eine lebenslange Zahlung. Ein wesentlicher Teil des ökonomischen Werts liegt in der kollektiven Absicherung des Langlebigkeitsrisikos: Lebt die versicherte Person sehr lange, läuft die Rente weiter. Die individuelle Vermögensverfügbarkeit sinkt dagegen.

Weg 2: Kapital

Die 780’000 Franken bleiben nach dem Bezug als Vermögen bei der Kundin*. Sie kann daraus Entnahmen finanzieren, das Kapital investieren und verbleibendes Vermögen grundsätzlich weitergeben. Dafür muss sie selbst mit Marktschwankungen, der Reihenfolge der Renditen, der Höhe der Entnahmen, Inflation, Lebensdauer und unerwarteten Ausgaben umgehen.

Welche Risiken möchte die Kundin abgeben – und welche möchte sie selbst tragen?

Was Rente und Kapital wirtschaftlich leisten

Die zweite Säule ist grundsätzlich kapitalgedeckt. Während des Erwerbslebens wird Alterskapital aufgebaut; daraus werden später Renten oder Kapitalleistungen finanziert. Gleichzeitig organisiert die Vorsorgeeinrichtung Risiken kollektiv.

Gerade beim Langlebigkeitsrisiko ist das entscheidend. Niemand weiss bei der Pensionierung, ob das eigene Kapital noch 15, 25 oder 35 Jahre reichen muss. Für den Einzelnen ist diese Unsicherheit gross. Für ein Kollektiv lässt sie sich besser verteilen.

Die lebenslange Rente besitzt deshalb einen ökonomischen Wert, der in einem simplen Vergleich von 5 und 3 Prozent unsichtbar bleibt. Sie liefert nicht nur Einkommen. Sie liefert auch Versicherung gegen ein sehr langes Leben.

Doch auch Kapital liefert etwas, das die Rente nicht liefert. Unsere Kundin* wollte einen Teil ihres Vermögens für ihre Kinder erhalten. Ausserdem plante sie in einigen Jahren einen grösseren Umbau an ihrem Haus. Kapital ist verfügbar, schafft Handlungsspielraum und erlaubt, Liquidität und langfristig investierbares Vermögen differenzierter zu strukturieren.

Rente und Kapital sind deshalb keine zwei Anlagen mit unterschiedlichen Renditen. Sie sind zwei unterschiedliche Verteilungen von Sicherheit, Flexibilität und Risiko.

Die Finanzierungslücke strukturiert die Entscheidung

Selbst wenn wir verstanden haben, dass die beiden Prozentzahlen nicht direkt vergleichbar sind, bleibt eine wichtigere Frage offen: Wie viel Sicherheit braucht der Haushalt überhaupt?

Unsere Kundin* erhielt zusätzlich zur PK später AHV. Ein Teil ihrer notwendigen Ausgaben war damit bereits durch lebenslange Einkommen gedeckt. Der übrige Teil musste aus Vermögen finanziert werden. Genau hier wird die Finanzierungslücke zentral.

Der zweite Perspektivwechsel

Finanzierungslücke = notwendige Ausgaben – gesicherte Einkommen

Die Finanzierungslücke zeigt, wie viel Sicherungsfunktion das Vorsorgevermögen übernehmen muss. Erst danach lässt sich beurteilen, wie viel Flexibilität sinnvoll erhalten werden kann.

Ein Haushalt, dessen notwendige Ausgaben bereits weitgehend durch AHV und andere Renten gedeckt sind, kann Kapital anders behandeln als ein Haushalt, der jeden Monat stark auf die PK-Leistung angewiesen ist. Aus dem Produktvergleich wird eine Haushaltsrechnung.

Die Finpact-Pensionierungsbilanz

Wir würden diese Entscheidung deshalb in einer anderen Reihenfolge analysieren. Zuerst geht es nicht um das Produkt, sondern um die Funktion, die das Vorsorgevermögen im Haushalt erfüllen soll.

  1. Wie hoch sind die notwendigen Ausgaben?Wie viel braucht der Haushalt jedes Jahr zuverlässig?
  2. Welche Einkommen sind gesichert?AHV, PK-Renten und weitere planbare Renteneinkommen bilden den Sockel.
  3. Wie gross ist die Finanzierungslücke?Notwendige Ausgaben minus gesicherte Einkommen zeigt den verbleibenden Sicherungsbedarf.
  4. Wie hoch ist der Liquiditätsbedarf?Welche grösseren Ausgaben stehen in den nächsten Jahren an?
  5. Welches Vermögen ist langfristig verfügbar?Welches Kapital kann tatsächlich zehn Jahre oder länger investiert bleiben?
  6. Welche persönlichen Faktoren verändern die Gewichtung?Gesundheit, Partnersituation, Hinterlassenenleistungen, übriges Vermögen, Wohneigentum, Hypothek, Steuern und Nachlassziele gehören in die Entscheidung.
  7. Welche Risiken soll der Haushalt selbst tragen?Erst danach wird die Frage sinnvoll: Wie viel Rente und wie viel Kapital?

Zurück zur Kundin*: Am Anfang sah sie 5 Prozent gegen 3 Prozent. Nach der Analyse sah sie drei andere Grössen: lebenslange Einkommenssicherheit, verfügbares Vermögen und dazwischen die Finanzierungslücke ihres Haushalts.

Wenn die notwendigen Ausgaben bereits weitgehend durch AHV und einen Rentenanteil gedeckt werden, muss nicht das gesamte PK-Kapital dieselbe Sicherungsfunktion übernehmen. Umgekehrt kann eine sehr hohe Kapitalquote problematisch werden, wenn das Vermögen dauerhaft einen grossen Teil des Lebensunterhalts finanzieren muss. Die gleiche Summe von 780’000 Franken kann deshalb bei zwei Haushalten eine völlig andere Aufgabe haben.

Was bei der Entscheidung zusätzlich zählt

Der gesetzliche Mindestumwandlungssatz im Obligatorium beträgt weiterhin 6,8 Prozent. In umhüllenden Vorsorgeeinrichtungen kann der reglementarische Umwandlungssatz auf dem gesamten Guthaben tiefer liegen, sofern die gesetzlichen Mindestleistungen gewahrt bleiben.

Der Umwandlungssatz muss wirtschaftlich mehrere Grössen gleichzeitig abbilden: die erwartete Dauer der Rentenzahlungen, die Rendite, die auf dem verbleibenden Rentenkapital erzielt werden kann, sowie Hinterlassenenleistungen und weitere reglementarische Leistungen. Damit wird klar, weshalb ein Umwandlungssatz nicht als einfache Rendite gelesen werden sollte.

In mehr als 12’000 erstellten Anlageplänen und in unserer Beratungspraxis begegnen uns immer wieder dieselben begrifflichen Stolpersteine: Rendite ist nicht Entnahme. Umwandlungssatz ist nicht Rendite. Vermögen ist nicht Einkommen. Schwankung ist nicht dasselbe wie finanzielles Risiko. Und Kapitalverfügbarkeit ist nicht dasselbe wie finanzielle Freiheit.

Was unsere Studie dazu zeigtDie Finpact-Vermögensstudie 2025 deutet auf einen wichtigen Zusammenhang hin: Ein grosser Teil der Generation 50+ investiert bereits Vermögen. Gleichzeitig steigt bei komplexeren finanziellen Fragestellungen das Bedürfnis nach persönlicher Einordnung. Bei der Entscheidung zwischen Rente und Kapital liegt die Schwierigkeit deshalb nicht darin, eine einzelne Zahl abzulesen, sondern mehrere Ziele gleichzeitig zu ordnen.

Rente und Kapital im präziseren Vergleich

Dimension Rente Kapital Ökonomische Bedeutung
Lebenslanges Einkommen lebenslange, planbare Zahlung muss selbst organisiert werden Langlebigkeitsrisiko
Vermögensverfügbarkeit eingeschränkt hoch Flexibilität
Marktrisiko Anlagerisiko liegt direkt beim Haushalt direkt beim Haushalt Risikoträger
Entnahmeplanung nicht nötig nötig Pfad- und Sequenzrisiko
Hinterlassenenleistungen gemäss Gesetz und Reglement der Pensionskasse verbleibendes Vermögen gehört grundsätzlich zum Nachlass bzw. wird gemäss Nachlassplanung übertragen Vermögensübertragung
Entscheidungsaufwand geringer höher Verantwortung
Reversibilität nach Leistungsbeginn stark eingeschränkt Kapital bleibt disponibel, der Bezugsentscheid selbst ist definitiv Wert der Optionalität
Kaufkraft / Inflation abhängig von Reglement und allfälligen Rentenanpassungen kann über Anlagestruktur adressiert werden, mit Marktrisiko langfristige Kaufkraft

Die Auszahlungsart sollte früh geplant werden. Das BSV weist darauf hin, dass die Wahl nach der Entscheidung grundsätzlich nicht mehr geändert werden kann; zudem gelten je nach Vorsorgeeinrichtung unterschiedliche Fristen für den Kapitalbezug.

Kurz gesagt: Eine Rente gewinnt relativ an Bedeutung, wenn ein grosser Teil der notwendigen Ausgaben dauerhaft und unabhängig von Marktverläufen gedeckt werden soll. Kapital gewinnt an Bedeutung, wenn bereits genügend gesicherte Einkommen vorhanden sind und Flexibilität, Liquidität oder Nachlassziele stärker gewichtet werden.

Sieben Fragen vor dem Entscheid

  1. Wie hoch sind unsere notwendigen jährlichen Ausgaben?Der Lebensstandard muss zuerst in Franken übersetzt werden.
  2. Welche Einkommen sind bereits lebenslang gesichert?AHV und bestehende Renten bilden den Sockel.
  3. Wie gross ist die verbleibende Finanzierungslücke?Diese Zahl zeigt, wie stark der Haushalt tatsächlich auf das Vermögen angewiesen ist.
  4. Wie viel Liquidität benötigen wir in den nächsten Jahren?Umbauten, Hypotheken, grössere Anschaffungen oder Unterstützung der Familie können relevant sein.
  5. Welche Rolle spielt ein späterer Nachlass?Ein ausgeprägtes Nachlassziel verändert den Wert von Kapitalverfügbarkeit.
  6. Welche Risiken möchten wir bewusst selbst tragen?Marktrisiko, Entnahmerisiko und Langlebigkeitsrisiko müssen zusammen betrachtet werden.
  7. Welche persönlichen Rahmenbedingungen verändern die Gewichtung?Gesundheit, Partnersituation, übriges Vermögen, Steuern und das konkrete PK-Reglement gehören ebenfalls in die Entscheidung.

Die Finpact-Entscheidungssequenz

Ausgaben → gesicherte Einkommen → Finanzierungslücke → Liquiditätsbedarf → langfristig verfügbares Vermögen → persönliche Rahmenbedingungen → gewünschte Risikoverteilung → Rente/Kapital-Mischung

Die Produktwahl steht am Ende. Nicht am Anfang.

Die wichtigsten Aussagen

Frage Kernaussage Warum sie wichtig ist
Sind 5 Prozent Rente und 3 Prozent Entnahme vergleichbar? Nein. Sie messen unterschiedliche ökonomische Grössen.
Was leistet eine PK-Rente? Lebenslanges Einkommen und kollektive Absicherung des Langlebigkeitsrisikos. Die Leistung ist mehr als eine Prozentzahl.
Was bietet Kapital? Verfügbarkeit und Flexibilität. Dafür bleiben mehr Risiken beim Haushalt.
Welche Rolle spielt die Finanzierungslücke? Sie zeigt den Sicherungsbedarf des Haushalts. Sie strukturiert die Entscheidung.
Reicht die Finanzierungslücke allein? Nein. Gesundheit, Vermögen, Steuern und Nachlassziele verändern die Gewichtung.
Muss man sich für nur einen Weg entscheiden? Nicht zwingend. Eine Mischform kann unterschiedliche Funktionen verbinden.
Was sollte zuerst geklärt werden? Die Funktion des Vermögens. Daraus ergibt sich die sinnvolle Struktur.

Zwei Wege – und oft eine Kombination

Am Ende unseres Gesprächs stand auf dem Blatt noch immer dieselbe Zahl: 780’000 Franken. Aber sie bedeutete etwas anderes.

Nicht mehr 5 Prozent gegen 3 Prozent, sondern zwei andere Fragen: Welcher Teil dieser 780’000 Franken soll lebenslanges Einkommen sichern? Und welcher Teil soll als Vermögen flexibel bleiben?

Die Kundin* musste damit nicht zwischen Sicherheit oder Flexibilität wählen. Sie konnte überlegen, wie viel von beidem sie tatsächlich benötigte. Genau deshalb zeichnen wir im Portfolio Atelier zuerst zwei Wege. Nicht, weil einer davon grundsätzlich besser wäre, sondern weil erst sichtbar werden muss, welches Risiko jeder Weg übernimmt – und welches er beim Haushalt zurücklässt.

Aus dieser Unterscheidung entsteht die passende Kombination.

* Anonymisierter Kundenfall.

Checkliste

Rente oder Kapital strukturiert prüfen.

Die wichtigsten Fragen zur Finanzierungslücke, zu gesicherten Einkommen, Liquidität, Nachlasszielen und Risikoverteilung kompakt zusammengefasst.

Checkliste herunterladen→

Anlageplan

Was passt zu Ihrer persönlichen Situation?

Erstellen Sie in wenigen Minuten Ihren persönlichen Anlageplan und sehen Sie, welche Anlagestruktur zu Ihren Zielen passen könnte.

Anlageplan erstellen→